Geschichten aus dem (Irrenhaus-) Stationsalltag

Wie Ihr vor vor ein paar Monaten erfahren habt, bin ich mittlerweile angehender Krankenpfleger und befinde mich mitten in der Ausbildung. Da erlebt man natürlich so einiges und deswegen möchte ich Euch ein paar der witzigsten Geschichten – die sich tatsächlich live so zugebracht haben – nicht vorenthalten. Das Leben im Stationsalltag ist manchmal einfach nur zum Prusten komisch.

Frau S.
Frühdienst. 6:30 Uhr. Waschrunde. Ich komme zu Frau S., die pflegerisch bei der Körperpflege unterstützt werden muss ins Zimmer, ziehe die Vorhänge zur Seite, schalte das Licht an und frage sie, wie es ihr denn geht und ob sich ihre Schmerzen seit dem Vortag gebessert haben. „mmrmrrgrmlhrmpf.“ – für mich nicht weiter verwunderlich, es ist ja schließlich noch mitten in der Nacht. Ich bemerke einen hängenden Mundwinkel bei Frau S. und eine Hemiparese linksseitig – auf Normaldeutsch:

Anzeichen eines Schlaganfalls, denn ihre linke Körperhälfte scheint schlaff und gelähmt zu sein. Daher auch ihre etwas verwaschene Aussprache. Außerdem reagiert die Patientin nur manchmal auf meine Ansprache und stiert ansonsten an die Decke. Ganz im Gegenteil zu ihrer in den Vortagen sehr munteren Art und Weise.

Nach Rücksprache mit dem Pflegepersonal, einem ratlosen Stationsarzt und einem Neurologischen Konsil, welches zur Diagnose „Verdacht auf Apoplex“ (/“Schlaganfall“, „.. ich glaube der Schüler hatte Recht“ – ach!?) führt, folgt eine etwas intensivere Behandlung der Patientin.

Als ich am nächsten Morgen wieder zu ihr ins Zimmer komme, ist sie tatsächlich viel munterer und antwortet sofort adäquat, jedoch für mich etwas wesensverändert auf meine tägliche Frage:

„Na Frau S., wie geht’s Ihnen denn heute? Sie sehen ja schon viel besser aus! Gestern haben Sie mich nicht mal erkannt und die Ärzte meinen Sie hatten einen Schlaganfall“ – „Wenn ick Sie jeden Morgen im Spiejel sehen würde, hätt‘ ick bestimmt gleich den nächsten Schlachanfall.“

Am darauffolgenden Tag verlangte Frau S. übrigens lautstark über die halbe Station brüllend: „ick will sofort eine 9mm Pistole haben!“.

Herr T.
Diesmal war es der Spätdienst, der mir bereits bei der Übergabe mit den Worten „Ihr werdet viel Spaß haben, heute ist hier richtig die Kacke am dampfen“ übergeben wurde. Ruhig und durch das knappe Jahr etwas erfahrener was mein Stresslevel auf Station angeht, habe ich mir erstmal keinen großen Kopf darum gemacht. Dann kam Herr T. Undzwar lautstark. Denn „ick hab seit 44 ne Schusswunde im Knie.“ und schwerhörig war er auch. Trotz Hörgerät. Außerdem dement, sodass er den Knopf der Notfallklingel ständig gedrückt hielt und uns somit in Alarmbereitschaft. Nein, man kann damit nicht das Licht ausschalten. Nein, auch nicht den Fernseher. Ja, wirklich nur für den Notfall. „Weshalb schreien Sie denn die komplette Station zusammen, ich stehe doch vor der Tür?“– „ick hör‘ schwer.“

Am Witzigsten wurde es aber, als wir den bereits entstandenen Dekubitus am Steißbein (eine wundgelegene Stelle) für die Wunddokumentation fotografiert haben. Meine Kollegin beugt sich samt Fotoapparat über seien Po und sagt „bitte lächeln!“. Als wäre das nicht genug, überfällt uns Herr T. auf einmal mit einer absoluten Lachnummer (ich habe geweint und mich innerlich auf dem Boden ausgeschüttet vor lachen):

„Herr T., Sie müssen nicht aufstehen, um pullern zu gehen, Sie haben einen Dauerkatheter direkt in der Blase.“ „Achso. Wissense wat? Ick hab dabei mal ’n Ei jelegt.“

Meine Kollegin und ich gucken uns verdutzt an. „Wie konnte denn das passieren?“

„ick weeß nich‘. Aber uff eenma lag’s uff’n Boden. Als wenn dit eener mit Creme einjeschmiert hat.“
„oh. Wie meinen Sie das, ein Ei gelegt? Und wo ist es jetzt? Was haben Sie damit gemacht?“
„Na ick hab’s wieder uffjehobn und mitjebracht. Sehense dit nich‘?“

Ja, tatsächlich. Seine Eier sind noch dran und alles wohlverpackt dort, wo es sein soll.

 

Herr M.
Ein junger Patient, irgendwas in den 30igern, lag schon seit mehreren Tagen auf der Chirurgie. Außerdem hatte er auch ebenfalls seit längerer Zeit keinen Stuhlgang und deswegen ordentlich Bauchschmerzen. Er bat mich also um ein Abführmittel und nahm dieses noch mit den Worten „na hoffentlich haut das gut durch!“ ein.

Nur Minuten später – mein Kollege, der sich mitten im Examen befand, und ich gehen gerade rein zufällig an der Tür von Herrn M.s Zimmer vorbei – hören wir einen ohrenbetäubenden, urmenschenähnlichen und vor allem langgezogenen tiefen Schrei. Ein Blick durch die Tür verriet uns, dass Herr M. nun auf der Toilette saß und anscheinend durchschlagenden Erfolg hatte. Wir haben uns vor dem Zimmer ausgeschüttet vor Lachen.

Frau L.
Die letzte Geschichte war für den Beteiligten sicherlich nicht halb so witzig, wie für uns, dafür hat unsere nächste Patientin anscheinend nicht den Hauch eines Verständnisses für Sarkasmus und Ironie.
Frau L. liegt also bei uns auf der Station wegen Beschwerden im Gastrointestinaltrakt (Verdauungssystem). Außerdem ist die gute Dame im fortgeschrittenen Alter und leider eben so fortgeschritten dement und desorientiert. Und wieder einmal bin ich mit meinem Kollegen mitten im Spätdienst. Frau L. erhält gerade einen Schwenkeinlauf und erzählt uns dabei munter Geschichten aus ihrem Leben. So weit, so unspannend. Als sie jedoch von ihrer letzten Operation erzählt, sehen mein Kollege und ich uns verwundert an:

„und denn habense mir Schlingen in’n Bauch jelegt. Wie Gummibänder. mit Spargel“.
„Sie haben Schlingen aus Spargel im Körper?“
„dit eene Mal als ick operiert wurde von mei’m Mann, jing’s mir ooch nich’ so juut.“
„Ihr Mann ist Maurer, der hat sie operiert??!“
„Na nee, dit war schon der Doktor. Aber da gab’s Jemüse und Kartoffelbrei überall“
„das scheint ja eine witzige Station gewesen zu sein. Dann konnten Sie ja eine Essenschlacht machen!“

„Ja. Aber Tomaten mag ick nich’. Und ick hab doch die Bänder im Bauch.“


Und das sind nur einige Beispiele aus meinem sehr witzigen Alltag als Krankenpflegeschüler neben Infusionen vorbereiten, Spritzen geben, Blut abnehmen, Tabletten verabreichen, Kurven schreiben, ärztliche Anforderungen umsetzen, lagern, Essen anreichen, Betten machen, Dauerkatheter legen, tracheal absaugen und Patienten vom völlig mit Stuhlgang beschmierten Bad zu holen, weil der künstliche Darmausgang geplatzt ist. Ich liebe meinen Job! 😀

5 Gedanken zu “Geschichten aus dem (Irrenhaus-) Stationsalltag

  1. Lieber angehender Krankenpfleger….du hast aber eine komischen Art von Humor….mir ist jetzt erst mal schlecht……denke es ist aber die beste Art mit seine Arbeit umzugehen….mit Humor. Nur Schade das da ja wirklich immer Schicksale dahinterstecken……meinst du es gibt im KH einen wuerdevollen und humoristischen Abgang ohne bitteren Nachgeschmack..? Ich weiss du siehst es genau so….! Ich würde gerne mal die Storys aus der Perspektive des Dementen,Loch im Knie sehen koenne……Kritik ist wenn man trotzdem lacht………..

    • Lieber D., es gibt definitiv einen würdevollen Abgang ohne bitteren Nachgeschmack. Das ist das, was wir und ich jeden Tag in unserer Arbeit erleben. Gerade gestern und in den letzten Tagen erst wieder. Und leider gerade bei vom Alkohol zerfressenen Patienten. Das ist auch, ohne selbstherrlich klingen zu wollen, das was die Patienten mir immer sehr hoch anrechnen und was ich auch von ausnahmslos allen Kollegen höre: mein toller, würdevoller und menschlicher Umgang mit sämtlichen Patienten, ohne zu sortieren oder sie vorurteilsbelastet zu behandeln. Denn sie liegen mir mehr als alles andere am Herzen und deswegen liebe ich meine Arbeit auch so sehr. Andere behandeln ihre Patienten nur wie Ware, insbesondere manche Engel in weiß. Und das ist für mich absolut unmenschlich und undenkbar.

      Deswegen ist es umso wichtiger, zusammen mit den Patienten lachen zu können. Bei all diesen Fällen, die ich in meinem Blog geschildert habe, taten wir das auch aufs herzlichste 🙂

      Aber wie du schon sagst, bei all dem elend sind es die witzige Sprüche und Erlebnisse mit dem Patienten, mit dem man am besten mit deiner Arbeit umgehen kann. Und ich freue mich jedes Mal aufs Neue, wenn ich strahlende Gesichter sehe und die Patienten schon von weitem meinen Namen rufen, wenn sie nur meine Stimme hören 🙂

      PS:
      Er hat gar kein Loch im Knie. Das Gehirn spielt ihn manchmal Streiche 😉

  2. Da ich ja auch Dauer Patient bin, kann ich nur Danke sagen, fuer die aufopfernde Fuersorge durch das Pflegepersonal. Es ist ein Nervenaufreibender Job. Humor hilft sehr dabei, es ist auch fuer einen Patienten nicht schoen, jeden Tag von einer griesgraemigen Person gepflegt zu werden. Ich wuensche dir ganz viel Staerke und Ausdauer, um diesen Beruf auch weiterhin zu moegen.

    • Das hast Du schön gesagt! Ich muss Dir aus vollem Herzen zustimmen:
      man erlebt so viel menschliches Elend, so viele Sorgen, Hoffnung, Vergänglichkeit, aber auch genau so viele wunderbare Momente und nie denkbare Fortschritte und ebenso viel Aufopferung. Jeden Tag.
      Für mich ist es ein Herzensberuf und ich behandele jeden Patienten mit der gleichen Hingabe und Fürsorge, was mir auch von vielen, vielen Kollegen, Ärzten und Patienten mit einem ganz dicken Herzen umkringelt wird. Danke für’s Lesen! Und weiterhin alles, alles Gute!

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