Früher war alles.. anders.

Nein, ich schreibe jetzt keinen früher-war-alles-besser Beitrag. Aber da ich mich immer wieder dabei erwische, Sätze wie „weißt Du noch?“ oder „ach ich wäre gerne wieder Kind“ zu sagen, möchte ich Euch gernen einen Schlag aus meiner Jugend erzählen.

Letztens habe ich einen Zeitungsartikel über das Ferienlager am Werbelinsee gelesen. Es gab dort einen schlimmen Unfall und nun soll der ganze Komplex geschlossen oder zumindest sicherheitstechnisch überarbeitet werden. Im Detail ging es darum, dass ein kleiner Junge eine nicht den heutigen Sicherheitsvorschriften entsprechende Treppe heruntergefallen ist. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich damals dort war. Irgendwann in der Zeit zwischen Kindergarten und Grundschule und mit dauerhaft aufgeschürften Knien. Das Ferienlager ist ein riesen Gebiet mit vielen Häusern aus FDGB Zeiten am wunderschönen Werbelinsee. Eine meiner einprägsamsten Erinnerungen ist die große rote Seilkletterpyramide direkt am Ufer von der ich mehrere Male heruntergefallen bin. Aber auch die eine besondere Ausgabe der „girl“, die ich in einem unserer Jungszimmer in einem Nachttisch gefunden habe. Darin war ein Leserbrief, in dem ein Mädchen schrieb „wenn meine Eltern nicht zu Hause sind, dann mache ich es an jedem Platz im Haus: auf dem Küchentisch, im Wohnzimmer und auf dem Fußboden“. Das hat mich damals gleichermaßen geschockt und begeistert, sodass ich den Artikel noch Jahre später in meinem Nachttisch zu Hause aufbewahrt habe.

Was die Sicherheitsmängel angeht weiß ich nicht mehr viel. Nur das wir uns damals überhaupt keine Gedanken darüber gemacht haben. Das war halt so. Und auf meine Narben von den Kieselsteinen der Schottersprintbahn des Sportplatzes oder des mit Hochofenschlacke ausgelegten Fußballfelds an meiner Schule bin ich heute noch irgendwie stolz. Narben erzählen ja Geschichten sagt man.

Ich kann mich auch noch gut daran erinnern, dass ich in der Grundschule beim Nachmittagsspielen am rostigen und blankgescheuerten Metallgerüst Schweinebaumeln gemacht habe und dabei senkrecht nach unten auf mein Gesicht gefallen bin. Zum Glück war nicht mein Genick, sondern nur meine Nase gebrochen. Oder das in der Mittagspause vor dem Sportunterricht immer die Düsenjäger der NVA (oder waren es doch die Russen?) über uns gedonnert sind. Muss also kurz nach meiner Einschulung 1992 gewesen sein. Und das der Hausmeister ein grummeliger Kerl im blauen Kittel war, dessen Werkstatt für mich soetwas, wie das Bernsteinzimmer darstellte. Und das ich in den Ferien als Strafe mal den Schulflur streichen musste, weil ich irgendein Fenster eingetreten habe. Ach und so vieles mehr.

Ich weiß gar nicht, ob Kinder heute noch so viel Unfug machen? Mein Papa hat mir mit einem Stock den Hintern versohlt, weil ich ein altes, aber noch gut erhaltenes Fahrrad mit meinem besten Freund kaputt getreten habe. Und weil ich auf die Windschutzscheibe der Anlieferungs-LKWs von der Bäckerei nebenan weiße Ölmalfarbe gekippt habe. Darf man sein Kind heute überhaupt so bestrafen, ohne gleiche verklagt zu werden? Alles Käse in meinen Augen.

6Naja wie dem auch sei. Ich wurde älter und bin immer wieder zur Grundschule zurück gekehrt. Diesmal allerdings über den abgeschlossenen Schulzaun, um hoch oben auf der Feuertreppe des Dachgeschosses im Sonnenuntergang Bier zu trinken. Schön war auch der Sommer 2002, in dem wir als Truppe bester Freunde auf dem Rheinsberger See in den großen Sommerferien von mehreren Motorbooten haben ziehen lassen, weil wir zu faul waren zu rudern. Das Knutschen im Zelt und betrunken mit einem Kanu und Fackeln über den See fahren mal miteingeschlossen. Danach mussten wir die Fotos noch von Hand einscannen, um sie auf CDs zu brennen. Vorausgesetzt man hatte einen CD Brenner. Hach das war der schönste Sommer meiner Jugend. Oder die paar Tage in München, in denen wir fast jeden Tag auf Grund des Niedrigwassers auf einer Erhöhung mitten in der Isar gesessen haben und dort bei Lagerfeuer und Bier über unsere Zukunft philosophiert haben. Ja ja..

Heute mache ich mir Gedanken über meinen Job, meine Zukunft, meine Rente, mein Alter, meinen Kontostand, meine Eltern, mein Auto, meine Versicherung, die zu hohe Rechnung meines Steuerberaters, darüber was ich mir zum Abendbrot koche und das ich nur noch 2 Euro im Portemonnai habe, wann ich mir eine neue Jeans kaufen kann und ob und wie ich rechtzeitig oder überhaupt mein Geld bekomme.

Wo sind all diese unbeschwerten Tage hin? Irgendwie war früher alles.. anders.

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